I.
"As individuals we can only trust our inner sense of Truth, which
seems to be constantly testing our inherited religious maps against
our daily experiences."
Frederic Lamond, 'Religion without Beliefs'
Hexen: Zu erzählen wäre manches. Zu beginnen mit Fragen nach Wesentlichem.
Was macht es aus, das Wesen eines Glaubens? Ist es die Art und Weise,
auf die er gelebt wird? Sind es die Worte, in die er gefaßt wird? Die
Orte, an denen in ihm Kraft geschöpft wird? Oder ist es jeder einzelne
Mensch, der ihm durch seine individuelle Perspektive zu gesellschaftlicher
Realität verhilft?
III.
Unbenutztes Fotopapier, solches, auf das noch kein Licht gefallen ist,
befindet sich in einem neutralen Zwischenzustand. Es wartet.
Dabei bleibt es weiß und ohne jedes Zeichen. Doch selbst bei Licht verändert
es sich zunächst nicht sichtbar. Dennoch hinterläßt das Licht seine
Spur auf dem Weiß. Wie eine geheime Tinte sickert es in das Papier.
Fällt es dabei durch ein Schwarzweiß-Negativ, so formt diese Tinte Muster
aus Hell und Dunkel: am hellsten dort, wo am wenigsten Licht auftrifft,
am dunkelsten, wo es mit seiner ganzen Kraft wirken kann. Aber noch
kann keiner sehen, was das so belichtete Papier birgt. Obwohl es seine
Neutralität verloren hat, zeigt es sein Geheimnis erst unter ganz bestimmten
Bedingungen.
IV.
Am Anfang eines Projektes steht die persönliche Begegnung mit einem
Thema. Esther Beutz traf ihres beim Einkaufen. In einer Zeitung, die
sie von einem Straßenverkäufer im Vorübergehen erstand. Darin fand sie
einen Artikel über das Hamburger Hexenarchiv und wußte im nächsten Augenblick:
Sie würde Hexen fotografieren.
Eine Annäherung begann, eine Entwicklung, in deren Verlauf sich so manches
Bild behutsam formen sollte. Anfangs hatte die Fotografin nur vage Klischees
im Kopf: Zumindest mußte eine Hexe doch ein starker Mensch sein, keinesfalls
brav oder angepaßt. Rasch gekaufte Bücher trug sie lange mit sich herum,
ohne darin wirklich Konturen für ihre Bilder zu finden. Sie suchte nach
Menschen.
V.
Eine Chemikalie ist es, die im Entwicklerbad die verschlüsselten
Informationen des Fotopapiers in Hell und Dunkel übersetzt. Wir selbst
sind es aber am Ende, die aus diesen sichtbar gewordenen Lichtmustern
Bilder entstehen lassen. Sie entstehen in unserem Schauen und sie sind
nie gleich. So wie wir selbst nie genau so sind wie die anderen. Und
nie genau so, wie wir gerade noch waren oder jemals sein werden.
Aber noch ist das Fotopapier, um das es hier
gehen soll, nur belichtet, nicht entwickelt. Noch birgt es sein Geheimnis,
weiß für Auge und Bewußtsein. Weiß ist es auch noch in jenem Augenblick,
in dem es in die Schale mit dem Entwicklerbad gleitet, sich seine Oberfläche
behutsam mit Flüssigkeit benetzt.
VI.
Im Internet schließlich stellte Esther Beutz fest, daß es von den Menschen,
nach denen sie forschte, mehr geben mußte, als sie gedacht hatte. Hexen
im Internet? Nicht verschrobenen, verschlagenen Einzelgängerinnen begegnete
sie, auch nicht den ehrwürdigen Geheimnisträgerinnen jahrtausendealter
Kulte. Vielmehr meist aufgeklärten, modernen Menschen, die eine Religion
für sich gewählt hatten, welche sich zwar auf alte Traditionen beruft,
dabei jedoch durchaus zeitgenössische Strukturen und Inhalte birgt.
Eine Religion also. Nein: viele Religionen. Individualität, die sich
auch in Begriffen niederschlägt. Hexen, Heiden, Priesterinnen. Und immer
wieder: Hagazussa. 'Hagazussa' bedeutet so viel wie 'Zaunreiterin' und
meint: Menschen, die mit einem Bein im Hier und Jetzt stehen, mit dem
anderen in einer spirituellen, einer magischen Anderswelt. Menschen,
die einst als Hüterinnen des 'Hag' diesseits des Weltenzaunes ein
heiliger Hain, jenseits eine geistig-religiöse Sphäre den in ihm geborgenen
Frieden 'hegten'. Von 'Hagazussa' leitet sich der Begriff 'Hexe' ab.
Und viele moderne Heidinnen und Heiden akzeptieren ihn heute als eine
Beschreibung, welche die vielfältigen Hexenreligionen und -traditionen
überspannt.
Darüber steht der Begriff des Heidentums, ein Hexenglaube ist immer
auch ein heidnischer. Moderne heidnische Religionen teilen sich eine
grundsätzliche Zugewandtheit zur Welt und Natur, begreifen das Leben
als zyklischen Prozeß, beziehen sich zumindest teilweise auf überlieferte,
vorchristliche Traditionen aus ihrem jeweiligen Kulturkreis und rücken
den einzelnen Menschen in den Vordergrund in seiner Verantwortung
für sich, seine Mitmenschen und seine Umwelt.
In diesen Religionen geht es nicht um einen die Welt überthronenden
Gott, sondern eher um das Göttliche, welches ein Teil von allem und
dessen Teil alles ist. Dieses Göttliche manifestiert sich in Göttergestalten,
welche symbolisch für die Aspekte des Lebens stehen ihnen voran meist
eine Göttin und ihr Gefährte, das Weibliche und das Männliche spiegelnd.
Auf einen sehr lebendigen Glauben war Esther Beutz gestoßen, der wenig
zu tun hatte mit Grimms Märchen, mit magischen Tricks oder gar mit satanistischen
Ritualen (denn ein Glaube, der nicht auf christlichen Traditionen fußt,
kennt keinen Satan). Und auch das Bild, das die Geschichte der christlichen
Hexenverfolgung bietet, eignet sich kaum zur Beschreibung heutiger Hexen
und ihrer Glaubensinhalte. Jene fanatisch verfolgten Frauen des Mittelalters
hatten oft mit einer heidnischen Religion wenig zu tun, sondern waren
Opfer einer frauenfeindlichen, dogmatischen und nach weltlichen Reichtümern
gierenden Kirchenpolitik.
Das Bild der Fotografin von den Hexen, die sie portraitieren wollte,
hatte zwar einen Rahmen gefunden. Schwarz und Weiß vor allem aber
die unzähligen Töne dazwischen mußte sie jedoch in den Menschen suchen.
Als es ihr schließlich gelang, erste persönliche Kontakte zu knüpfen,
war sie nicht nur darüber erstaunt, auch auf männliche Hexen zu treffen.
VII.
Das Fotopapier ist nun vollständig von der verändernden Flüssigkeit
umschlossen. Sofort beginnt die Entwicklung des Bildes. Eines Bildes.
Die vom Licht hinterlassenen Spuren beginnen ihren Weg zur Sichtbarkeit,
zaghaft zwar, aber bereits erkennbar.
Ganz zarte graue Flächen und Muster breiten sich über das Weiß des Papiers,
sie befinden sich in ständiger Verwandlung, das gerade entstehende Bild
ist bereits lebendig. Hell ist es, wenn auch grau. Ein nebliger Morgen
möglicherweise, nur kurz nach dem Aufgehen der Sonne. Deren zaghafte
erste Strahlen durchdringen den frühen Nebel nicht vollständig. Aber
sie bringen ihn zum Leuchten.
Rechts hinten zeichnet sich eine Form ab, die an einen kleinen Hügel
erinnert, darauf unregelmäßige Erhebungen. Bäume vielleicht. Ein kleiner
Punkt daneben: Ein Bussard steigt aus dem Wäldchen auf, im Nebel nur
als Bewegung zu sehen. Im Vordergrund eine niedrige, weiche, runde Kontur,
wie von einem Gebüsch. Die Fläche daneben wirkt massiver, doch auch
ihre Gestalt dringt kaum durch das zarte Grau. Ein Stein könnte so aussehen,
ein unregelmäßiger, halbhoher Felsblock.
Zeigt sich im Umriß daneben der Körper eines Menschen? Oder ist die
Natur, die im morgendlichen Nebel verborgen liegt, mit sich alleine?
Wäre es eine menschliche Gestalt, sie würde nicht fremd wirken in dieser
verschleierten Szene. Ihre Haltung wäre aufrecht und bewußt, aber sie
würde sich einfügen in die zarten Konturen ihrer Umgebung.
Ein zweiter, größerer Felsblock vielleicht, wenn es kein Mensch ist.
Was täte denn hier ein Mensch zu dieser frühen Stunde in einem so undurchdringlichen
Nebel? Alleine. Alleine?
VIII.
Esther Beutz hat den ersten Kontakt zu ihr per Email geknüpft, auf der
Suche nach Hexen, die bereit wären zu erzählen, zu zeigen, sich dem
Blick der Fotografin zu stellen. Sie ist schon seit über zehn Jahren
eine Hexe, ein Jahr und einen Tag lang hat sie die Grundlagen ihres
Glaubens gelernt, danach wurde sie von ihrem Lehrmeister in ihre neue
Religion initiiert.
Inzwischen kann sie sich keinen anderen Alltag in keinem anderen Glauben
mehr für sich vorstellen, aber damals hatte sie bereits eine lange Suche
hinter sich. Schon in ihrer frühen Jugend sehnte sie sich nach einem
Glauben, der Teil ihres Alltags wäre, der nicht nur am Sonntag aufgefrischt
würde, von einem geistlichen Vermittler, der darauf achtete, daß nicht
zu viel Kontakt zwischen ihr und einem Gott zustande kam.
Ein Glaube sollte es sein, in dem sie intelligent sein durfte, verantwortlich
und aktiv. In die evangelische Kirche hineingeboren, suchte sie Antworten
in den farbigeren Ritualen der katholischen Gemeinde, aber der Priester,
dem sie vertrauen wollte, hielt ihren hartnäckigen Fragen nicht stand.
Selbst die Zeugen Jehovas bat sie herein, kochte ihnen Tee und hatte
Teil an ihrer Gemeinschaft. Frei und selbstbestimmt fühlte sie sich
jedoch auch dort nicht.
Marion Zimmer Bradleys 'Die Nebel von Avalon' schließlich zeigte ihr
eine Weise, Glauben zu leben, die sie faszinierte, in der sie sich endlich
verstanden fühlte: Da war Religion, die mitten im Leben geschah. Um
so größer war ihr Erstaunen und ihre Begeisterung, als sie im Anhang
des Buches vom Dank der Autorin an befreundete heidnische Gemeinschaften
las. Das war nicht nur Fantasy...
Sie suchte und fand Literaturtips, fing an zu lesen, auszuprobieren,
festzustellen, daß etwas bei ihr geschah, Dinge funktionierten. Und:
daß sie tatsächlich aktiv eingebunden war, daß es um sie ging und um
ihr ganz persönliches Verhältnis zum Göttlichen in allem, was sie tat.
Schließlich stieß sie auf ähnlich Interessierte. Menschen, die sie lehrten,
mit ihr lernten. Die Initiation durch ihren Lehrmeister in den ersten
Grad machte sie zur Priesterin in Wicca, so hieß ihre neue Religion.
Wicca wurde in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Großbritannien
als erste der modernen Hexentraditionen gegründet, als eine heidnische
Religion, welche sich zwar auf alte, vorchristliche Zusammenhänge bezog,
dabei jedoch deutlich zeitgenössische Strukturen entwickelte. Alte Überlieferungen
waren selten und noch seltener echt, so daß die Einflüsse viel eher
in der eigenen Zeit lagen: Rituelle Strukturen aus Freimaurertum und
religiösen Orden, Erkenntnisse aus der noch jungen Ethnologie und Anthropologie
sowie Anleihen bei verschiedensten anderen Religionen waren die Bausteine
der ersten modernen Hexentraditionen.
Wicca gaben und geben ihre Rituale, ihre Regeln und ihr Wissen traditionell
nur an Eingeweihte weiter, nur von Lehrer zu Schülerin und von Lehrerin
zu Schüler. Zwar haben sie sich bis heute erhalten, doch sind die Perspektiven
mit der Zeit gegangen, ihre Offenheit hat dafür gesorgt, daß sie immer
wieder mit passendem Material von außen verjüngt wurden.
Sich auch ihrer Rolle als Priesterin bewußt zu sein, sich nicht nur
als Hexe zu fühlen, ist ein zentraler Moment für sie in ihrer religiösen
Tradition. Im Idealfall schließen sich einige Wicca zu einer Hexengemeinschaft
zusammen, zu einem sogenannten Coven. Eine Gemeinde gibt es dort ebensowenig
wie einen einzigen Geistlichen, der stellvertretend für alle handelt.
Jeder ist sein eigener Priester, seine eigene Priesterin, alle sind
aktiv und selbstverantwortlich in das eingebunden, was sie tun. Hier
war ihre Suche zu Ende und ist es noch immer. Hier fühlt sie sich spirituell
zu hause.
IX.
Die zaghaften Spuren, die das zarte Grau auf unserem Fotopapier hinterlassen
hat, haben sich gewandelt: an manchen Stellen sind sie fein und durchscheinend
geblieben, an anderen haben sie an Intensität gewonnen. Dabei haben
sich Flächen in vorsichtige Konturen und Mosaike zerstreut, in ihrer
neuen Ungleichmäßigkeit haben sie unvermutete Dimensionen entwickelt.
So sind neben das erste helle Grau weitere Töne getreten, haben das
Bild gefüllt und dabei ständig neu gezeichnet.
Es sieht so aus, als habe sich der frühe Nebel etwas gelichtet. Möglicherweise
sind es aber auch die Strahlen der aufgegangenen Sonne, die inzwischen
kräftiger durch die graue Masse dringen und dabei Konturen aus der Szenerie
herausschälen, Details beleuchten, die zuvor verborgen lagen.
Diese Sonne selbst läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit am Himmel ausmachen.
Aber sie könnte sich in einem jener helleren Flecken verbergen, welche
sich dort abzeichnen, wo neben dem Bussard jetzt weitere Bewegungsspuren
aufgetaucht sind, andere Vögel womöglich.
Inzwischen hat der hohe Umriß in der Bildmitte an Eindeutigkeit gewonnen:
ein Mensch, tatsächlich. Schemenhaft, aber deutlich aufrecht stehend,
in ein dunkles Kleidungsstück gehüllt. Sein Gesicht allerdings hat der
morgendliche Nebel noch nicht herausgegeben, aber es scheint dem rundlichen
Gebüsch neben ihm zugewandt. Doch ist das noch ein Gebüsch? Oder kauert
da noch eine zweite Gestalt, gleich neben jener halbhohen Kontur, die
merkwürdig hell geblieben ist. Dies könnte ein Stein sein, ein seltsam
erleuchteter, unregelmäßiger allerdings.
Haben sich zwei Menschen getroffen, draußen im sich langsam lichtenden
Nebel, bei jenem hellen markanten Stein? Oder fügen sich gar mehr Umrisse
in die verschleierte Natur, noch unsichtbar für Auge und Geist?
X.
Auf ihn ist die Autorin im Internet gestoßen, in einem Diskussionsforum
für Heiden. Er hatte mit dem, was er geschrieben hatte, bei ihr den
Eindruck erweckt, offen zu sein, aufgeschlossen und dabei eben doch
kein Schwätzer, einer, der ernst meint, was er sagt, der sich nicht
nur profilieren will mit seinem Glauben. Und er war ein Mann.
Natürlich ist das Heidentum offen für Frauen wie Männer eine ganzheitliche
Religion, die das Göttliche in allem sucht, kann die Männer nicht ausklammern.
Neben der Göttin kennt das Heidentum schließlich auch deren Gefährten,
den Gehörnten, den Gott. All dies trifft auch auf die Hexenreligionen
und traditionen im Heidentum zu. Auch wenn es ungewöhnlich klingen
mag, daß ein Mann sich Hexe nennt: die modernen Hexentraditionen werden
meist von einem Geschlecht zum anderen weitergegeben. Männer sind dabei
unverzichtbar...
Sein Wissen allerdings stammt nicht von einer einzigen Lehrmeisterin,
die ihn in die Geheimnisse und Gebräuche ihrer Tradition eingewiesen
und schließlich initiiert hat. Er hat von alldem nichts und vieles:
Lehrmeisterinnen, Traditionen, Gebräuche. Er initiierte sich selbst,
nach Regeln und Ritualen aus Büchern. So wie er all sein Wissen nach
und nach mühsam aus Gelesenem herausdestilliert. Inzwischen kommen dazu
auch persönliche Kontakte mit Hexen, meist per Internet. Aber über eine
lange Zeit hinweg war er allein, mit sich, seinen Büchern, seiner Vorstellungskraft.
Und auch mit seinen Zweifeln, Ängsten und Anfechtungen. War er nun schließlich
doch übergeschnappt, redete er sich das alles nur ein? War er auf einem
spirituellen Weg oder am Ende nur ein Spinner?
Es gibt heute viele Hexen, die sich wie er die Elemente ihres Glaubens
selbst zusammensuchen, die ohne eine traditionelle Ausbildung ihre eigenen
Strukturen und Inhalte inmitten der Traditionen finden, sich ein wenig
von allem nehmen, dabei nur darauf achten, daß die Dinge für sie passen
und funktionieren. Es gibt immer mehr Veröffentlichungen, die hierzu
ermuntern, in denen Autorinnen aus den Traditionen Informationen preisgeben
und eine Selbstinitiation legitimieren.
Ein solcher Alleingang birgt Gefahren, hält so manche Sackgasse bereit.
Aber auch das sichere Gefühl, seinen ureigenen Weg gegangen zu sein,
sich sein Wissen hart erarbeitet, die Dinge ausprobiert zu haben, bevor
man sie einfach abschreibt und übernimmt. Dabei entwickelt sich oft
ebensoviel Bewußtsein wie auf den traditionellen Wegen. Nur die Strukturen
mögen manchmal nicht ganz so stabil sein, es bleibt eine Sehnsucht nach
Klarheit und Einheitlichkeit, nach einem stringenten Weltbild.
Er sah allerdings gar keine andere Wahl, als sich in seinen Keller einzuschließen,
damals, als er begann, sich für seine neue Religion zu interessieren.
Zu ungewöhnlich erschien ihm diese für seine wenig aufgeschlossene Umwelt.
Eigentlich war die Ehe mit seiner Frau schon vorüber, aber beide hielten
noch daran fest. Und er hatte Angst vor ihrem Urteil, dem der abergläubischen
Katholikin, hatte Angst, lächerlich gemacht zu werden vor Nachbarn und
Kollegen, Angst vor Vorurteilen und Klischees.
Nach der Scheidung wurde es nicht besser mit dieser Angst: sein Leben
als Hexe fand weiterhin ausschließlich im Keller statt, in seiner Vorstellungskraft
und im Internet. Schließlich wollte er nicht darauf verzichten müssen,
seine Kinder zu sehen. Und der Gedanke, einem Scheidungsanwalt sein
Bücherregal erklären zu müssen, barg für ihn so manchen Schrecken.
Dabei würde er seinen Kindern gerne einmal mehr erzählen über die Feste,
die er im Laufe des Jahres im Rhythmus der Natur feiert, über seinen
Respekt für Mensch und Umwelt, das Durchdrungensein aller Dinge mit
dem Göttlichen. Es bleibt ihm der Trost, daß seine Religion eine ist,
die in jedes Detail seines Alltags hineinwirkt und er so seinen Kindern
vorleben kann, was ihm etwas bedeutet: wenn er mit ihnen im Wald unterwegs
ist oder über den unvermeidlichen Kreislauf der Dinge nachdenkt. Oder
wenn er mit ihnen über andere Menschen spricht und den notwendigen Respekt
vor dem, was sie tun und denken.
XI.
Unaufhaltsam setzt sich die Veränderung von Hell und zunehmend auch
Dunkel in der Entwicklerschale fort: Wo eben noch eine schwach konturierte
zartgraue Fläche war, findet sich jetzt eine dunkel durchäderte Form,
welche sich in übergangslosen Graustufen in die Tiefe erstreckt, wo
sich eben noch eine vage gezeichnete Figur mit ungewöhnlicher Oberflächenstruktur
fand, macht sich jetzt eine nahezu homogene dunklere Fläche breit.
Aus dem Nebel heraus ist es Tag geworden. In der Mitte des Bildes
haben sich jetzt klar zwei zentrale Punkte herausgelöst. Einerseits
ist da jener so ungewöhnlich hell leuchtende Stein. Seine Oberfläche
hat begonnen zu schillern, so als wäre sie in beständiger Bewegung.
Fast scheint der Fels von unruhigem Leben erfüllt, als würde er pulsen
und sich in sich wiegen. Andererseits ragt im Vordergrund jetzt immer
klarer jene menschliche Gestalt auf, deren Blick gerade noch auf einer
anderen, einer kauernden Gestalt jenseits des Steines zu ruhen schien.
Diese kauernde Gestalt ist inzwischen ebenfalls
zu Leben erwacht, die unscharfe Bewegung könnte dem aufgerichteten Menschen
gelten. Der wiederum gibt nur ein wenig mehr von seinem Gesicht preis
und schon scheint es in die entgegengesetzte Richtung zu blicken,
zum Bildrand, an welchem ein weiterer, hellerer Umriß sichtbar geworden
ist. Noch ist schwer zu sagen, ob auch er menschlich sein könnte, denn
er ist nur zur Hälfte zu sehen, die andere Hälfte verbirgt sich dem
Blick außerhalb des Fotopapiers.
Das Wäldchen auf dem Hügel ist dichter geworden, dunkler, während die
Vögel gleichzeitig zahlreicher und konturloser werden. In der Richtung,
in die sie fliegen, haben sich aus einer bislang völlig in helles Grau
gehüllten Stelle einige gleichmäßige geometrische Körper geschält, klein
und im Hintergrund. Sie wirken anders als die übrigen Formen ein wenig
unnatürlich. Häuser vielleicht, eine kleine Siedlung. Sind die Menschen
von dort hier heraus gekommen? Aus einer Gemeinschaft, in die sie wieder
zurückkehren werden, wenn sie getan haben, was auch immer sie hier tun?
XII.
Ihr ist Esther Beutz schon recht früh begegnet, als sie gerade anfing,
Menschen für ihr Projekt zu treffen. Der Kontakt zu ihr war über einen
anderen Heiden zustandegekommen, den die Fotografin kennengelernt hatte.
Die beiden treffen sich wöchentlich, um gemeinsam ihren Glauben zu leben:
Sie sind Mitglieder im gleichen Coven, einer Hexengemeinschaft.
Zwar ist sie keine Wicca, viele der Strukturen ihrer Tradition sind
denen von Wicca jedoch sehr ähnlich. So auch die des Coven: Sie erhielt
dort ihre Ausbildung zur Hexe, erlernte ein Jahr und einen Tag die Traditionen,
Rituale und das Wissen des Coven, bevor sie von einem Priester initiiert
wurde. Dieser hat den Coven einst gegründet, hat unter Verwendung verschiedenster
Einflüsse und Inspirationen Inhalte und Strukturen festgelegt, die er
jetzt weiterreicht. Sie sind für die Mitglieder des Coven längst zu
einem festen System zusammengewachsen.
Ihre religiöse Vergangenheit ist geprägt vom protestantischen Christentum:
Sie hat den 'ganz normalen' evangelischen Lebenslauf durchlebt, mit
Taufe, Konfirmation und mindestens einem Kirchenbesuch im Jahr, dem
zu Weihnachten. An diesem jährlichen Kirchenbesuch hat ihr neuer Glaube
allerdings nichts geändert. Sie ist seit sie denken kann fasziniert
von Kirchen und Friedhöfen, betritt sie als Orte mit einer ganz besonderen
Energie, als Kraftorte.
Also geht sie noch immer jedes Jahr zu Weihnachten in die Kirche, hat
Teil an dieser Kraft und nimmt sich ein wenig davon mit nach hause.
Dort kommt sie zur Ruhe, legt sich eine passende Harz- und Kräutermischung
auf ein Stück Räucherkohle und meditiert noch in ihrem neuen Glauben.
Einen Widerspruch sieht sie darin nicht nur weil sie jetzt mit der
Hexentradition ihres Coven einen Glauben lebt, der ihr auch in ihrem
Alltag mehr entspricht, möchte sie die evangelische Kirche, in der sie
aufgewachsen ist, nicht völlig abwerten.
Sie ist sogar deren Mitglied geblieben, bezahlt noch immer jeden Monat
Kirchensteuer. Einiges mache diese Kirche schon auch ganz gut, sagt
sie, vor allem im sozialen Bereich, das möchte sie weiterhin unterstützen,
auch wenn sie nicht mehr an deren Inhalte glaube. Der Gedanke an Mission
für ihren heutigen Glauben oder irgendeinen anderen liegt ihr sehr
fern. Jeder muß in ihren Augen die Freiheit erhalten, sich seinen Glauben
völlig frei und unbeeinflußt wählen zu können. Diese Philosophie hat
sie bei ihren eigenen Kindern konsequent umgesetzt. Die beiden wurden
bei ihrer Geburt nicht getauft, haben in der Schule den Religionsunterricht
besucht und sich inzwischen als Teenager für das Christentum entschieden
und konfirmieren lassen.
Offenheit und Toleranz prägen auch ihr ethisches Verständnis von den
Inhalten ihrer Hexenreligion. Der Respekt vor allem Lebendigen, besonders
aber vor Mitmenschen ist dabei zentral. Dieser spiegelt sich auch im
ethischen Imperativ wieder, der einst für Wicca formuliert wurde und
inzwischen in den meisten Hexentraditionen anerkannt wird: 'Tu was Du
willst, aber schade keinem. ' Was sich auf den ersten Blick wie ein
Freibrief liest, ist bei Licht betrachtet ein sehr eng gefaßtes moralisches
Ideal es bedeutet, sich über alles Handeln aktiv Gedanken zu machen,
nie gleichgültig oder oberflächlich zu sein.
Das wirkt sich auf ihr Menschenbild aus, auf die Verantwortung, die
sie für sich und ihre Mitmenschen empfindet, darauf, wie sie auf andere
Menschen zugeht. Um so deutlicher spürt sie diese Verantwortung vor
dem Hintergrund der Möglichkeiten, die ihr Glaube zugleich eröffnet:
Sie hat gelernt, die Art und Weise, auf die etwas geschieht, mit ihrer
Gedankenkraft zu beeinflussen. 'Magie' heißt diese Fähigkeit landläufig,
auch wenn diese 'Magie' für sie sehr viel selbstverständlicher ist,
alltäglicher, von jedem zu erlernen, der eine gewisse Sensibilität und
Offenheit mitbringt.
'Magie' ist für sie nichts anderes als gelenkte Energie oder Kraft.
Sie anzuwenden ist mit jener bereits erwähnten Verantwortung eng verbunden.
Das ethische Gesetz der Hexentraditionen erlaubt, konsequent zu Ende
gedacht, keinen Mißbrauch: '...aber schade keinem'. Das ist wichtig,
denn 'Magie' ist im Grunde fester Bestandteil einer Religion. Sie ist
in den Ritualen und den Festen, sie ist überall dort, wo etwas aktiv
im Geiste verändert wird. Nicht nur in Hexenreligionen wenn katholische
Christen zum Beispiel beim Abendmahl von einer tatsächlichen Verwandlung
von Wein und Brot durch den Glauben ausgehen, findet 'Magie' statt.
Weil 'Magie' also eine neutrale Fähigkeit ist, ist es vor allem wichtig,
wie und wofür sie eingesetzt wird. Eine schwarze oder weiße 'Magie'
an sich gibt es nicht, solche Bewertungen finden erst in den Menschen
statt, die sie geschehen lassen oder ihr Zeuge werden.
XIII.
Obwohl sich einige zartgraue Flächen, welche bereits ganz zu Beginn
aufgetaucht waren, inzwischen zu Körpern von einem recht satten Grau
gewandelt haben und immer größere Bereiche unseres Bildes gezeichnet
sind, dringen noch neue Bildelemente aus Flächen, welche bislang völlig
unbefleckt zu sein schienen. Während also einige Mosaikteile bereits
unter unserem Blick gealtert und gereift sind, werden andere erst neu
geboren.
So zum Beispiel jener große, unförmige Umriß, der sich zwischen dem
aufgerichteten Menschen in der Bildmitte und jenem angeschnittenen am
Bildrand auszubreiten beginnt. Noch keiner bekannten Form klar zuzuordnen,
erstreckt sich sein Geflecht aus zartgrauen Flecken und wenig dunkleren
Äderchen über einen großen, bislang neutral gebliebenen Bereich.
Die Vögel im Hintergrund haben sich weiter zu großen Klumpen verdichtet
und erinnern nicht mehr wirklich an Vögel, auch nicht in einem Schwarm.
Vielmehr scheinen sie jetzt als Wolken den grauen Himmel zu verdunkeln.
Zwischen ihnen bleiben helle Stellen, die hellste von ihnen könnte noch
immer die Sonne sein, ihre Konturen sind schärfer und deutlicher rund
als noch zuvor.
Die kauernde Gestalt ist jetzt dem hellen Stein in der Bildmitte zugewandt,
dieser ist unruhiger und lebendiger denn je, durchzogen von unzähligen
hellen und dunklen Adern und Flecken. Als würde er von innen heraus
leuchten. Als zweites Element der Bildmitte hat sich der stehende Mensch
weiter stabilisiert: Er ruht in sich, seine Arme haben sich vom Hintergrund
gelöst und sind jetzt nach den Seiten hin ausgebreitet.
Auch sein Gesicht sammelt Konturen und Details: es ist kein junger Mensch,
eine ältere Frau vielmehr, mit klaren Augen und offenem Haar. Ihr zugewandt
steht angeschnitten am Bildrand jetzt ein jüngerer Mann. In ihrem Nebeneinander
hat jeder seinen Platz.
XIV.
Der zweite Teil ihrer Suche hat Esther Beutz nach England geführt: auf
der Spur von Orten und von Menschen, die Heidentum und Hexentraditionen
in ihren Alltag integriert haben, die im Rhythmus ihrer Religion leben.
Im Süden Englands traf sie eine Hexe, mit der die Begegnung anderswo
kaum vorstellbar gewesen wäre.
Großbritannien war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Wiege der modernen
Hexentraditionen. Gerald Gardner ließ sich hier von verschiedensten
Einflüssen seiner Zeit zu Wicca inspirieren, hier fand er erste Anhänger,
initiierte seine ersten Schülerinnen. Bis heute leben hier mehr Menschen
in Hexenreligionen als anderswo in Europa, sei es in Wicca oder einer
der zahlreichen freien Traditionen, die sich in dessen Nachfolge geformt
haben.
Wer die britischen Inseln besucht und ein wenig Sensibilität mitbringt,
vermag zu spüren, daß in den dort gelegenen Ländern ganz besondere Bedingungen
für die Wiedergeburt alter Traditionen und Religionen herrschen: Die
Natur birgt einen eigenen Zauber, an vielen Orten hat sich etwas bewahrt,
die Vergangenheit scheint dort lebendiger geblieben zu sein, Magie und
Mystik warten auf jene, die ihre Sinne zu öffnen bereit sind.
Sie ist keine Unbekannte mehr in Hexen- und Heidenkreisen und sogar
darüber hinaus. Musikerin ist sie und Buchautorin, sie schreibt eindringliche
Stücke, voll Kraft und doch auch zart und sensibel. Die Musik fußt oft
auf traditionellen Wurzeln, in den Texten erzählt sie von Heidentum
und Hexenreligion, von Magie und Spiritualität, von Menschen und deren
Leben im Einklang mit den Zyklen der Natur.
Die Fotografin ist ihr zum ersten Mal vor einem ihrer Konzerte begegnet,
war früher gekommen, wollte nur Karten kaufen. Aber als sie dann plötzlich
vor ihr stand, war klar: Das mußte sie sein. Esther Beutz erinnert sich
deutlich an ihre Ausstrahlung in jenem Moment sie ruhte in sich, war
selbstverständlich und präsent, war im Augenblick und trug doch ihr
ganzes Leben spürbar in sich.
Später besuchte die Autorin sie dann in ihrem Haus im Dartmoor, jenem,
in dem sie und ihr Lebensgefährte ein Zuhause gefunden haben, sich eingerichtet
haben für ein Leben. Im großen Garten, dessen Eigenleben die neuen Bewohner
ihm gelassen haben, fanden sie kurz nach ihrem Einzug beide etwas Ungewöhnliches.
Sie machte ihre Entdeckung zuerst: einen verwitterten alten Pferdeschädel,
den einer Stute. Kurz darauf stieß er auf sein Gegenstück, den Schädel
eines Hengstes. Heute haben die Fundstücke, mit denen der Garten die
beiden Neulinge begrüßte, sich an ihrem neuen Platz eingefügt, als wären
sie immer schon dort sie blicken gemeinsam von der Wand über der Eingangstür
auf das Haus und die, die in ihm ein und aus gehen.
Sie ist nicht mehr jung, hat sich bereits Zeit genommen, sich in ihrem
Leben einzurichten. Aber sie hat es ohne Bitternis getan, und sie hat
dabei nie ihr Bewußtsein verloren für ihren momentanen Platz in ihrem
persönlichen Lebenszyklus. Sie hat sich einen Blick für das Ganze erschlossen
und bewahrt, für sich und die ihren als göttlichen Teil eines Großen
und für das Göttliche als Teil ihres Lebens.
In einem ihrer Stücke werden Texte von einer alten Frau gesprochen
auch ihr ist Esther Beutz begegnet. Einer Frau, die ein bewegtes Leben
hinter sich hat, die bereits ein großes Stück weiter gegangen ist auf
ihrem Lebensweg. Einfach war es gewiß nicht immer, ihr Hexenglaube hat
ihr jedoch schließlich geholfen, ihren Frieden zu schließen. In Neuseeland
als halbe Maori geboren, hat es beinahe ihr ganzes Leben gedauert, bis
sie in Südengland nicht nur den Ort gefunden hat, an dem sie spirituell
zu hause sein kann, sondern auch eine Perspektive auf ihr Leben, die
sie zufrieden sein und zur Ruhe kommen läßt. Heute ist sie bereit, sich
in die Natur zu fügen, wenn ihr persönlicher Weg zu Ende ist. Sie hat
das Leben und auch dessen Ende als alte Frau akzeptiert, und dies klingt
in ihrer Stimme.
XV.
Während die grauen Flächen und Linien unseres Bildes sich in Menschen,
Bäume und Häuser verwandeln, Hell und Dunkel langsam an ihre Plätze
rücken und dabei das Bild immer wieder neu erschaffen, hat sich auch
der Ton der gesamten Szenerie verändert. Beherrschte anfangs noch lichtdurchdrungener
Morgennebel den Schauplatz, der sich langsam zerstreut hat, um einem
bewölkten Tag Raum zu geben, so werden die Grundschattierungen des Bildes
nun dunkler. Es wird wohl bald dämmern.
Details, die vorhin noch hell und klar zu sehen waren, werden bereits
Teil eines diffusen Dunkelgrau, andere Bildelemente etablieren sich
erst jetzt, auf der Folie der Dämmerung. Dabei wird deutlich, was bleiben
wird: Das Wäldchen ist dicht und etwas düster, zwischen den Bäumen finden
sich nur noch wenige lichte Stellen, die Wolken, die einst Vögel waren,
werden mächtiger und überziehen fast den gesamten Himmel, die kleine
Siedlung liegt weit im Hintergrund, nur einige helle Stellen machen
auf sie aufmerksam.
Die Szene im Vordergrund wird beherrscht von jenem hellen Stein, der
nun keiner mehr ist: es ist ein großes Feuer, welches lebendig funkelt
und die verbliebene Helligkeit des Vordergrundes kraftvoll in sich versammelt.
Der große, verzweigte Umriß in der Bildmitte wird schwach von ihm beleuchtet,
es ist ein mächtiger Baum, dessen Äste die kleine Gruppe von Menschen
überschatten, die sich hier inzwischen getroffen hat.
Einer kauert neben dem Feuer, er scheint es anzufachen, der junge Mann
am Rand ist den Flammen ebenfalls zugewandt, er hält eine Schale in
der Hand, aus der Rauch aufsteigt. Zwischen den beiden, direkt am Feuer
steht die alte Frau, ihre Arme ausgebreitet wie die Äste des Baumes
über ihr, als wolle sie die Szenerie umfassen, sie einen. Sie läßt die
einzelnen Bestandteile des Bildes zu einem Schauplatz werden. Einem
Ort.
XVI.
Die Fotografin stieß auf die beiden in einer Esoterik-Buchhandlung in
Südengland. Das heißt, sie hatte dort von ihrem Projekt erzählt und
erkundigte sich schließlich nach Kunden, die eventuell bereit wären,
sich mit ihr zu treffen. Den einen traf sie noch am selben Nachmittag,
nachdem der Buchhändler mit ihm Kontakt aufgenommen hatte. Diese erste
Begegnung blieb Esther Beutz in klarer Erinnerung: Er hatte einen warmen,
festen Händedruck und einen Blick, den sie tief in ihrer Seele spürte.
Ehrfurcht empfand sie, beinahe ein wenig Angst. Angst vor einer Macht
ihres Gegenübers, davor, daß ihr Gesprächspartner viel mehr sah, bemerkte
und durchschaute als bei einer ersten Begegnung üblich ist.
Er verabredete sich mit der Autorin für den folgenden Tag und versprach,
einen Freund mitzubringen, der mit ihm zusammen Mitglied einer Hexenvereinigung
sei. Im Dartmoor wollten sie sich treffen, von einem verabredeten Treffpunkt
aus gemeinsam zu einem Ort fahren, der nur Eingeweihten bekannt sei,
einem ganz besonderen Ort.
Der Weg war lang und umständlich die von Hecken gesäumten engen Straßen
durch das Dartmoor können schnell den Charakter eines Labyrinths gewinnen,
durch das man immer tiefer eindringt in eine fremde Welt, eine Welt,
in der alles möglich scheint, in der man alles und nichts mehr erwarten
würde, in der die Gesetze von Zeit und Raum außer Kraft treten.
Unterwegs erzählten die beiden Männer von ihrem Glauben. Der eine hatte
sich in eine freie Hexentradition initiieren lassen, der andere war
in eine Familientradition hineingeboren worden, auf die er sichtlich
stolz war. Solche Familientraditionen stehen zwischen einem alten, mystischen
und größtenteils verschollenen Hexenglauben aus vorchristlicher Zeit
und den modernen Traditionen, die sich bewußt als neuer Glaube mit einer
Vielzahl von fremden religiösen und kulturellen Einflüssen verstehen.
In manchen Familien geben Eltern ihren Nachkommen Inhalte und Strukturen
weiter, die in anderen Traditionen nicht bekannt oder üblich sind. Inzwischen
haben sich einige dieser Familientraditionen nach außen geöffnet, andere
legen noch immer großen Wert darauf, geheimes Wissen ausschließlich
familienintern weiterzutragen.
Schließlich erreichte die kleine Gruppe gemeinsam den Ort, für den sie
sich auf den Weg gemacht hatte: Vorbei an einem kleinen Steinkreis führten
die beiden Männer ihren Gast zu einer Felsformation, die an einem kleinen
Fluß lag. Durch eine kreisrunde Öffnung in einem der Steine floß das
Wasser und sammelte sich darunter zu einem kleinen Teich. Ein 'place
of birth' sei es, erklärten die beiden Führer, ein alter traditioneller
Initiationsplatz. Es sei üblich, sich bei seiner Initiation ins Wasser
zu begeben und durch die Öffnung im Stein zu gleiten, als symbolische
Wiedergeburt.
Daß sie zu einem ganz besonderen Ort gebracht worden war, spürte die
Fotografin intensiv. Sicher, das Wissen um die Bedeutung eines Ortes
beeinflußt dessen Wahrnehmung, das Gefühl, das wir an ihm empfinden.
Aber darüber hinaus bergen bestimmte Orte eine Energie, die sie für
all jene deutlich werden lassen, die bereit sind, sich auf sie einzulassen.
Ein gewisses Gespür für solche Energien ist erlernbar ganze esoterische
Traditionen wie die Geomantie ranken sich darum.
Es gibt aber offensichtlich auch Menschen, die einen direkten Zugang
zu solchen Energien haben, die Orte spüren können, intuitiv nachempfinden
können, was einen Ort besonders macht. Einer der beiden Briten erzählte
schließlich, daß sich diese Fähigkeit in seiner Familie vererbe, daß
er sensibel sei für die Kraft eines Ortes. Letztenendes ist es wahrscheinlich
gleichgültig, ob eine solche Kraft einem Ort schon immer innewohnt oder
erst in einer Bedeutungszuweisung und rituellen Benutzung entsteht.
Ohne den Menschen, der sich in einen solchen Ort hineindenkt, ihn wahrnimmt,
ist die Frage nach seiner Energie wohl ohnehin nicht relevant.
XVII.
Die dunklen Flächen haben das Hauptgewicht übernommen auf unserem Fotopapier.
Sie sind allerdings nicht konturlos und flach, sondern tragen all die
feinen Details noch in sich, die bereits an ihrer Stelle zu sehen waren.
Es sind dunkle Bildelemente voll Tiefe, sie tragen das Helle als Teil
ihrer Entwicklung und ihrer Zusammensetzung in sich. Und sie helfen,
die hellen Stellen, die geblieben sind, zu stützen und zu betonen. Noch
ist nicht alles Schwarz, was Schwarz sein könnte, noch ist das Grau
an einigen Stellen diffus und unscharf, noch ist die Entwicklung des
Bildes nicht abgeschlossen. Aber der Endpunkt dieser Entwicklung ist
bereits abzusehen.
Es ist Abend geworden in unserer Szenerie. Die Wolken sind nicht mehr
regenschwer, sondern einfach nur dunkel, hier und da erleuchtet und
durchdrungen von Sternen. Und vor allem: vom Mond. Er hat sich deutlich
an den Himmel gestellt: eine helle, kräftige Scheibe, nahezu rund, deren
Licht sich überall wiederfindet. Das Wäldchen, still und dunkel, wird
hier und da davon konturiert, die Häuser der Siedlung leuchten schwach
darin, das Licht aus dem einen oder anderen Fenster kaum heller.
Sein Gegenstück findet das Mondlicht im Schein der Flammen: Ihr Leben
bestimmt den Vordergrund, ihre Reflexe finden sich auf den Gesichtern
der Umstehenden, selbst noch im Geäst des großen Baumes, der den Schauplatz
überragt. Der Rauch des Feuers vereint sich über den Köpfen mit dem
aus der Räucherschale, gemeinsam steigen sie auf ins Mondlicht.
Der Mann, der am Feuer kauert, facht es nicht an, vielmehr wirft er
etwas hinein, was die Lebendigkeit der Flammen nur noch zu steigern
scheint, es ist ein Bündel, möglicherweise aus Korn. Das Gesicht der
alten Frau ist jetzt ganz deutlich zu sehen im Schein des Feuers: ihre
Augen sind wach und offen, sie blicken uns über das Feuer hinweg unmittelbar
an. Ihr Mund ist halb geöffnet, sie sagt etwas, ist dabei konzentriert,
anwesend und doch in einem ganz besonderen Zustand. Sie ist untrennbar
verbunden mit der Magie der Szene. Alles wird eins.
XVIII.
Monatelang hat Esther Beutz ihrem Thema hinterhergespürt, sich dabei
langsam angenähert und immer öfter auch auf Dinge eingelassen, die ihr
vorher fremd waren. Immer dichter ist sie dabei dem gekommen, worum
es ihr eigentlich ging: den Menschen hinter und in ihrer Religion. Sie
hat sich mit vielen davon persönlich getroffen, hat die meisten portraitiert,
mit ihnen ihre Kraftplätze besucht, Texte überlassen bekommen. Sie hat
lange Gespräche geführt, sich Geschichten erzählen lassen, Spaziergänge
gemacht, bei Ritualen zugesehen, mit Menschen meditiert und gefeiert.
Sie hat sich mit Hexen getroffen, die Teil einer Szene sind und mit
solchen, deren Freunde nicht einmal von ihrer Religion wissen.
Gibt es nun also Gemeinsamkeiten, Auffälligkeiten, die die Fotografin
an den Angehörigen moderner Hexentraditionen beobachtet hat? Hat sich
ihr Blick geschärft? Zunächst: Die modernen Hexenreligionen gehören
wohl zu den individuellsten und undogmatischsten Glaubensrichtungen
unserer Zeit. Kaum ein Weltbild gleicht hier exakt dem nächsten, an
der Formulierung einer gemeinsamen Basis ist schon so mancher Zusammenschluß
von Hexen gescheitert. Sicherlich, innerhalb der Traditionen gibt es
bestimmte Gültigkeiten, Einigkeiten, ein gemeinsames Repertoire von
Ritualen und Strukturen. Darüber hinaus gibt es vor allem viel Diskussionspotential.
Über gewisse Allgemeingültigkeiten hinaus verfügen die modernen Hexen
über keine religiösen Dogmen, keine 'Heilige Schrift'.
Allerdings: Fast alle Hexen, denen die Autorin begegnete, sind sich
ihres anderen Weges sehr bewußt, haben sich auseinandergesetzt mit ihrem
Bild in der Gesellschaft, mit Vorurteilen und Klischees, die ihnen zugeschrieben
werden. Und sie haben sich konfrontiert mit dem mißtrauischen Blick
der anderen zumeist eine große Offenheit und Toleranz gegenüber anderen
Religionen bewahrt, jenen, aus denen sie kommen, jenen, mit denen sie
sich auf ihrem Weg beschäftigt haben und jenen, deren Einflüsse sie
in ihren eigenen Glauben integriert haben.
Zudem scheint es eine gewisse Bereitschaft unter den modernen Hexen
zu geben, mit den Klischees der Gesellschaft zu spielen, sich ihnen
provozierend anzunähern, augenzwinkernd und selbstironisch zwar, doch
oft auch mit Genugtuung. So sind schwarze und rote Haare unter ihnen
durchaus beliebt, viele lieben Katzen, und ebenso viele umgeben sich
gerne mit Büchern, mit oft ungewöhnlichem Wissen aus den verschiedensten
Gebieten.
Dabei leben die meisten der Menschen, die die Fotografin traf, ein zunächst
ganz normales Alltagsleben. Zwar integrieren sie ihren Glauben, so daß
der Blick aufs Detail, auf Welt- und Menschenbilder oft Außergewöhnliches
offenbart. Aber von weitem sind sie Mütter und Väter, Hausfrauen und
Steuerzahler, Vereinsmitglieder und Kinogänger, Kontoinhaber und Autofahrer.
Unter denen, die Esther Beutz kennenlernte, befinden sich unter anderen
eine Übersetzerin, eine Schauspielerin, ein Bankangestellter, eine Hausfrau,
eine angehende Lehrerin, ein Militärangehöriger, eine Studentin der
Geschichte, eine Telefonistin, eine Physiotherapeutin, eine Fotografin,
eine Heilpraktikerin, ein Verwaltungsbeamter, ein Grafiker, ein Erzieher
und eine Buchautorin.
Mitgenommen hat die Fotografin so manches von ihren Reisen und Spaziergängen
durch einen Glauben, von dem sie zu Beginn ihres Projektes buchstäblich
nichts wußte. Einsichten und Erkenntnisse natürlich, Offenheit und Toleranz,
Perspektiven und Emotionen. Und Menschen. Aber auch seltsame kleine
Erlebnisse und Erinnerungen. Wie jenes Ritual in einem Park bei Bochum,
bei dem sich die Anwohner über das Feuer beschwerten oder jene Übernachtung
an einem persönlichen Kraftort, an dem sie unter freiem Himmel trocken
blieb, während rundherum ganze Landstriche unter Wasser standen.
Mitgenommen hat sie auch einen Tannenzapfen und einen kleinen Rosenquarz.
Den Tannenzapfen schenkte ihr eine Hexe am Ende eines Spaziergangs
als Erinnerung und als Grundstock für eine Sammlung von persönlichen
Dingen, die in Ritualen Bedeutung gewinnen könnten. Und den Rosenquarz
erhielt sie als Geschenk zusammen mit den anderen Gästen einer heidnischen
Hochzeitsfeier, zu der sie eingeladen war. Beide Erinnerungsstücke liegen
zusammen in einer kleinen Schachtel. Gut möglich, daß eines Tages noch
andere hinzukommen der Abschluß des Projektes bedeutet für die Autorin
jedenfalls nicht das Ende ihrer Kontakte zu all den Hexen, die sie im
Laufe der Zeit kennengelernt hat.
Und mitgenommen hat Esther Beutz vor allem ungezählte Bilder solche,
die als Teil dieses Buches zu den ganz persönlichen Bildern seiner Betrachter
werden. Aber auch solche, die nie gedruckt werden können, da sie nur
im Blick der Fotografin existieren, der sich mit ihren Erfahrungen gewandelt
hat. Das eine oder andere davon läßt sich möglicherweise zwischen den
Seiten aufspüren.
XIX.
Das Fotopapier im Entwicklerbad ist zu Ende entwickelt, das Bild verfügt
nun über klare Konturen und satte Kontraste, was weiß ist, ist wirklich
weiß und was schwarz ist, ist schwarz. Hell und Dunkel sind schließlich
überall auf dem Papier angekommen, hatten Zeit und Gelegenheit, ihre
maximale Kraft zu entwickeln, aber auch die Möglichkeit, zart und angedeutet
zu bleiben, wo dies notwendig war. Das Bild ist fertig. Fertig?
Das Ergebnis birgt die gesamte Entwicklung, es enthält all die Zwischenbilder
und Grauwerte, all die möglichen Ergebnisse und Zustände. Und doch zeigt
es nur einen Moment. Würde jetzt, während das Fotopapier noch in der
Entwicklerschale liegt, jemand das Raumlicht einschalten, um alles noch
deutlicher sehen zu können, so würde er das Bild tatsächlich nur diesen
einzigen Moment lang so sehen können, wie es jetzt ist das zusätzliche
Licht würde sofort anfangen, auf der Oberfläche des Fotopapiers zu wirken,
und innerhalb einer Minute wäre diese gänzlich schwarz.
Um das Fotopapier mit all seinem sorgfältig geplanten, komponierten
und entwickelten Hell und Dunkel so zu bewahren, wie es jetzt in der
Entwicklerschale liegt, muß es erst zwei weitere Schalen durchlaufen,
bevor es Tageslicht verträgt: es muß in der Fixiererschale mit Hilfe
einer weiteren Chemikalie lichtunempfindlich gemacht werden, anschließend
müssen beim Wässern die Chemikalienrückstände von seiner Oberfläche
gewaschen werden. Erst dann kann es wirklich problemlos betrachtet,
gezeigt, eingeklebt oder aufgehängt werden.
Aber wäre es damit ein fertiges Bild? Wie bereits anfangs behauptet:
Wir selbst sind es, die die eigentlichen Bilder entstehen lassen, in
unserem Schauen, immer neu. Das fertig entwickelte, fixierte und gewässerte
Fotopapier mit seinen Lichtmustern wird erst in der Chemie unserer Wahrnehmung
zum Bild, unsere Phantasie und unser Wissen tragen ihren Teil dazu bei.
Und zwar niemals genau den gleichen. So bleibt es auch für diese Bilder
bei Momenten.
In dieser Unbeständigkeit liegt eine Melancholie
die Entwicklerchemie unserer Wahrnehmung ist viel mächtiger und zuverlässiger
als deren Fixiererchemie. Andererseits drückt sich in genau diesem Umstand
das unendliche Potential unserer Wahrnehmung aus: Wir dürfen immer und
immer wieder neu sehen und erleben. Jede Fotografie, die wir betrachten,
ist ein neuer Reiz in einer neuen Situation und birgt auf diese Weise
eine neue Geschichte.
'Hagazussa
Auf dem Zaun zwischen den Welten' von Esther
Beutz mit einem Text von Thomas Kaestle
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