Kunst in
der Zwischenzeit
von Thomas Kaestle
Phoenix-Werke ist eine Ausstellung dazwischen. Im Niemandsland einer Industriebrache
zwischen verbotener Hochofenstadt und Zukunftsstandort. In einer Gegenwart
zwischen identitätsstiftenden 150 Jahren Stahlgeschichte und prophezeiten
10.000 Arbeitsplätzen. Mit einer Perspektive zwischen sorgsam recherchierten
Insiderinformationen und dem Außenblick von Studierenden aus allen Himmelsrichtungen.
Und nicht zuletzt mit einem Angebot zwischen aktiver Auseinandersetzung
und sinnlichem Erleben.
Ein Dazwischen definiert sich stets
durch die implizierten Polaritäten, so dass das Spektrum von Phoenix-Werke all das Genannte umfasst:
Also nicht zwischen den Stühlen, sondern vielmehr zwischen den Zuständen.
Dieser produktive Umgang mit dem Dazwischen ist allerdings nicht naturgegeben,
er will erarbeitet sein Leerstellen müssen besetzt, Bezüge gefunden
und Inhalte definiert werden. Konstruktionsarbeit im positivsten Sinne,
mit dem Ziel, Offenheit zu erreichen und Beliebigkeit zu vermeiden. Kunst
als Kommunikationsangebot, als Anlass.
Die Frage nach Sinn und Zweck einer orts- und themenspezifischen Kunstausstellung
auf einer Industriebrache ist also nicht nur legitim, sondern soll, ja
muss von jedem Rezipienten gestellt, vor allem aber beantwortet werden.
Zentrales Kriterium für den eigenen individuellen Klärungsprozess (denn
jeder potentielle Rezipient kann auf diese Frage nur für sich selbst und
nur für den Moment antworten) ist die Möglichkeit, das Wahrgenommene in
einen Bezug zur eigenen Lebenswelt setzen zu können. Fehlt dieser Bezug,
fehlt auch der Sinn. Dieser Prüfung muss sich jede Kunst stets aufs Neue
stellen.
Phoenix-Werke präsentiert sich der Öffentlichkeit in dieser Hinsicht sehr optimistisch:
Thematischer Schwerpunkt der Ausstellung ist schließlich der Dortmunder
Standort Phoenix West in all seinen Kontexten, durch alle Zeiten, mit
allen politischen, sozialen und kulturellen Aspekten. Er steht in Dortmund
exemplarisch für die drängende Notwenigkeit des Wandels und damit auch
für dessen Chancen und Gefahren. Vor allem bei den direkten Anwohnern,
im Stadtteil Hörde, haben sich die Emotionen seit dem Kampf um die Erhaltung
des Hochofen- und Stahlwerkes Phoenix kaum beruhigt. Hoffnungen und Unsicherheiten
wohnen nahe beisammen. Ist angesichts der längst verklärten Vergangenheit
wirklich jede Zukunft besser als die trostlose Gegenwart?
Der Ansatz, sich solchen Fragestellungen
vor dem Hintergrund des Strukturwandels mit Hilfe künstlerischer Auseinandersetzungen
zu nähern, ist alles andere als neu. Im Ruhrgebiet hat sich spätestens
nach zehn Jahren Internationaler Bauausstellung Emscherpark der gedankliche
wie tatsächliche Umgang mit Industriebrachen gründlich geändert. Manches
ehemalige Werksgelände hat sich dabei zu Museum, Park oder Freizeitanlage
verwandelt. Auch kurzzeitige Bespielungen von Brachen haben eine Tradition
alleine Dortmund kann mit ¹Standorte Akademie auf Zeit¹
(1993 in der ehemaligen Zeche Minister Stein) und ¹Reservate der Sehnsucht¹
(1998 in der ehemaligen Union-Brauerei) auf zwei äußerst profilierte Beispiele
hierfür zurückblicken.
Dennoch ist auch Phoenix-Werke wichtig. Die Notwenigkeit
einer zentralen Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dem Standort Phoenix
ist dringend. Es fehlt an koordinierten Informationen, vor allem aber
an Gelegenheiten zu Reflexion und Meinungsbildung. Diese Situation verleiht
nicht nur der Kunst einen Rahmen, in dem sie agieren kann, sondern auch
dem Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund eine Gelegenheit. Zum
einen zur thematisch angewandten Kunstproduktion vor Ort. Trotz der Rede
von Medien(kunst)haupstädten ist das Selbstbewusstsein des Ruhrgebiets
hinsichtlich seiner Kompetenz zur eigenständigen Hervorbringung von Kunst
und Kultur nach wie vor gering jede Chance, diese Befindlichkeit
zu verändern, muss ergriffen werden. Zum anderen dazu, das spezifische
Potential einer Fachhochschule anzuwenden: Sich problemorientiert in alltägliche
Zusammenhänge einzubringen und mit den eigenen Perspektiven Entwicklungen
zu fördern. Dass diese Perspektiven meist von Studierenden und Lehrenden
nach Dortmund ¹importiert¹ wurden, macht in diesem Fall deren besondere
Effektivität aus.
Die politische Situation des Strukturwandels hat sich gegenüber 1993 und
1998 deutlich verändert: Aus der aufgeschlossenen Experimentierfreudigkeit
zu Zeiten der IBA Emscherpark ist pragmatische Wirtschaftsförderung geworden
(unerlässlich auch diese, schade nur, dass Kreativität und Risikobereitschaft
längst wieder in die üblichen Behördenwege zurückgewiesen wurden), die
beflügelnden Budgets, mit denen der Strukturwandel in den 1990ern auf
den Weg gebracht werden konnte, sind zu Bruchteilen ihrer selbst geschrumpft.
Gerade vor diesem Hintergrund konnte Phoenix-Werke nur gelingen, indem genügend
Zeit und Aufmerksamkeit zur vorbereitenden Auseinandersetzung investiert
wurden. Auch hierfür erwiesen sich die Strukturen einer Fachhochschule
mit dem Zusammenspiel von Studium und Lehre in Theorie und Praxis als
hervorragend geeignet: 50 Studierende und fünf hauptamtlich Lehrende arbeiteten
zwei Semester lang an Konzepten und Realisationen von Exponaten, einem
Corporate Design sowie der Gestaltung von Ausstellung, Katalog und Werbemitteln,
unterstützt von Studierenden der Universität Dortmund aus Journalistik
und Raumplanung.
Am 18. Oktober wird nach drei Wochen Ausstellung im ehemaligen Reserveteillager
die Präsentation vor Ort zu Ende sein. Was bleiben wird, sind Eindrücke,
Erfahrungen, angestoßene Prozesse und Entwicklungen. Und dieser Katalog.
Er ist Dokumentation, Spiegel und Ergänzung der Ausstellung. Aber er ist
noch mehr: In seiner Darstellung von persönlichen Meinungen, Perspektiven
und Analysen ist er ein Forum für Positionen zu Phoenix, Dortmund, Strukturwandel,
Industriebrachen und dem Umgang mit ihnen. Kompetente Autoren und Autorinnen
aus verschiedensten wissenschaftlichen, institutionellen oder gesellschaftlichen
Bereichen machen diese Veröffentlichung auch zum Lesebuch. Die Bilder,
um die es ja in einem Ausstellungskatalog vor allem geht, stehen dazu
in keinerlei Widerspruch. Im Gegenteil: Erst im Zusammenspiel von künstlerischer
Darstellung und differenzierter Information entfaltet sich das volle Potential
für Auseinandersetzung und Meinungsbildung, die einen wesentlichen Bestandteil
des ästhetischen Wahrnehmungsprozesses ausmachen.
Die Textbeiträge in diesem Band sind alle aus Innenperspektiven heraus
entstanden, formulieren Erkenntnisse, Erfahrungen und Positionen, die
ihre Autoren und Autorinnen auf unterschiedlichste Weise in ihrer eigenen
jeweiligen Praxis gesammelt haben. Gabriele Unverfehrt ist wissenschaftliche
Mitarbeiterin bei der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv. Sie stellt
in ihrem Beitrag die historischen Dimensionen des Hochofen- und Stahlstandortes
Phoenix dar. Manfred Renno,
Bezirksvorsteher des Stadtbezirks Hörde, knüpft chronologisch an, indem
er von der gegenwärtigen Situation erzählt: Welche Befindlichkeiten prägen
die ¹Zwischenzeit¹ in Hörde? Konrad
Hachmeyer-Isphording ist Leiter des Projektbüro Phoenix der Stadt Dortmund. Er greift
die zukunftsgerichtete Perspektive auf und schildert in seinem Text die aktuellen Planungen und Visionen für eine Entwicklung
von Phoenix zu einem Dortmunder Führungsstandort. Hans D. Christ, Kurator im Dortmunder hartware medien kunst verein, hat den künstlerischen
Umgang mit Industriebrachen in dieser Stadt maßgeblich geprägt. In seinem
Beitrag berichtet er von Erfahrungen und Erkenntnissen. Heinz H. Meyer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter
im Adolf Grimme Institut. Er fragt nach den Funktionen von Kunst und Kultur
in den Prozessen des Strukturwandels. Dietmar Stahlschmidt unterzieht als Mitarbeiter bei der WohnBund Beratung
NRW die Planungen für den Standort Phoenix einer kritischen Analyse in
Hinblick auf die so genannten ¹weichen Standortfaktoren¹. Hermann Bömer lehrt politische Ökonomie in der Fakultät Raumplanung
der Universität Dortmund. Er hinterfragt Strukturen und Zielsetzungen
des dortmund-project, eines public private partnership zur Standortentwicklung
und -vermarktung. Karl-Peter Ellerbrock
ist Direktor der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv. Seine historische
Analyse
zeigt die Grundlagen des Strukturwandels in Dortmund auf. Wilfried Kruse, Arbeitssoziologe
am Landesinstitut Sozialforschungsstelle Dortmund, betrachtet in seinem
Beitrag die Ursachen und Wirkungen veränderter Arbeits- und Arbeitertypen.
Jörg Forßmann ist Projektleiter für Phoenix West bei der LEG Nordrhein-Westfalen.
Er stellt in seinem Text Überlegungen zum Umgang mit Industriebrachen
an. Renate Kastorff-Viehmann
lehrt Baugeschichte und Städtebaugeschichte am Fachbereich Architektur
der Fachhochschule Dortmund. Sie fragt nach der Funktion von Denkmalen
und dem Sinn des Erhaltens.
All dies stellt ein Angebot dar, selbst zu kombinieren und zu konstruieren.
Als Herausgeber wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen in den Bildern und
den Zeilen dieses Kataloges. Oder dazwischen.
Phoenix Werke. Kunst in der Zwischenzeit
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