Stadt [...] Geheimnis
I.
"Es wird sich der Bilder derer bemächtigen, die
es in seinen Bann zieht, und es wird sie zu seinen Bildern machen."
Dieser Satz findet sich nicht nur zwischen den Bildseiten des Buches,
das Sie gerade in Händen halten, sondern auch in einem mysteriösen Folianten
in der Stadt Samaris. Dorthin wird ein junger Mann geschickt,
um deren Geheimnis zu ergründen. Fast verliert er sich in ihren Mauern,
bis er schließlich erkennt: Was ihm wie versatzstückhaft inszenierte
Kulissen erscheint, sind tatsächlich welche, eigens für ihn immer neu
in Position gebracht. Doch erst durch den zitierten Text begreift er,
dass sich das von ihm Wahrgenommene aus einem kollektiven Fundus von
Motiven und Szenen speist, zu dem auch seine eigenen Erwartungen, Vorstellungen
und Ängste beitragen.
Erzählt wird diese Geschichte in einem der scharfsinnigen Architektur-Comics
der Künstler François Schuiten und Benoît Peeters, deren Reihentitel Programm ist: Die geheimnisvollen Städte. Das vorliegende
Buch fügt sich in diesen Kontext fast nahtlos ein auch Carsten
Meiers Motive bergen Geheimnisse, erregen den Verdacht des Betrachters.
Sie tun dies zum einen ganz im Sinne der von Boris Groys formulierten
These, durch solchen Verdacht dass sich hinter der Oberfläche
Unergründliches verberge O erfülle ein mediales Phänomen das
zentrale Kriterium für seine Wahrnehmung als Kunst.
Zum anderen erzeugen sie genau hierdurch eine merkwürdige Ambivalenz
ihrer Wahrnehmung. Sie zeigen städtische Situationen, denen zunächst
jede Urbanität zu fehlen scheint. Urbanität entsteht nämlich laut dem
Stadtsoziologen Hartmut Häußermann erst aus der Koexistenz von Heterogenem
auf engem Raum. In der inszenierten Stadt werde das Urbane nur simuliert,
erst Partizipation ihrer Bewohner schaffe eine lebendige Situation.
Die Stadt müsse so als Projektionsfläche von Sehnsüchten ein Geheimnis
bergen, Hoffnung auf ein Erleben, Ergründen, auf Unerwartetes oder Überraschendes
erzeugen. Carsten Meiers Bilder präsentieren städtische Perspektiven,
denen solche Heterogenität fremd ist, die aus genormten architektonischen
Modulen zu bestehen scheinen. Und dennoch sind da Geheimnis und Verdacht.
Erst in der medialen (Re-)Präsentation gelingt so der Eintritt in einen
urbanen Kontext. Natürlich: Jenseits von ihr existieren die gezeigten
Stadtansichten ohnehin nur als Metaphern, als subtile Wirklichkeitskonstruktionen
auf Basis der thematisierten Versatzstücke. Nicht als Zukunfts-, sondern
als Gegenwartsvisionen mit eigentümlichen Verweisen auf ihre architektonische
und stadtplanerische Temporalität: zeitlos futuristisch, zugleich eine
historische Studie zur Beschaffenheit des Visionären. Meier zeigt negative
Utopien im Foucaultschen Sinne,
als unwirkliche, virtuelle Räume, umgekehrte Gegenentwürfe oder Perfektionierungen
der realen gesellschaftlichen Verhältnisse. Oder beides zugleich, Verdichtungen
des Status Quo, welche ohne die Implikation der positiven Utopien
nicht denkbar sind.
Die Struktur der Verdichtung prägt auch die Textebene des zentralen
Kapitels dieses Buches. So wie der eingangs zitierte Satz seinen Weg
von einem fiktiven Folianten im nicht minder fiktiven Samaris
über einen Comic-Band und System
[...] Erfahrung bis in diese Anmerkungen genommen hat, machen alle
in jenem Kapitel präsentierten Texte einen Kondensationsprozess durch,
der inhaltlich eigenständig und parallel zur Bildebene verläuft, deren
Eigenarten jedoch in seine Vorgehensweise mit einfließen lässt. Sie
sind auf ihre ganz eigene Art Teil von Carsten Meiers individueller
Wahrnehmung eines Diskurses um Urbanität, Öffentlichkeit und die Beschaffenheit
städtischer Orte. Sie wurden aus Essays, Romanen, wissenschaftlichen
Texten, Comics, Gedichten und Filmen herausgeschält, verdichtet zu Zitaten,
Kernsätzen und schließlich zu einzelnen Wortresten.
Die Parallelität zwischen Text und Bild dieses Buches lässt eine Vielzahl
von Bezügen zu, der abgesteckte Rezeptionsrahmen gleicht einem Versuchsaufbau,
der wiederum das Thema des Modularen paraphrasiert. Sind die Bausteine
deshalb jedoch austauschbar oder gar beliebig? Feyerabends "anything
goes" hat durch den Radikalen Konstruktivisten Ernst von Glasersfeld
eine einschränkende Erweiterung erfahren, die einen produktiven Umgang
mit dem Kriterium der Beliebigkeit vorschlägt: "anything goes if
it works". Von Glasersfelds diskursiver Mitstreiter Heinz von
Foerster hat aus diesem Zusammenhang heraus einen ethischen Imperativ
formuliert: "Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten
wächst." Dies scheint mir nicht nur hervorragend in der Struktur
der vorliegenden Publikation umgesetzt, sondern zudem eine äußerst brauchbare
Handlungsanweisung für den Umgang mit den in ihr thematisierten Inhalten
zu sein.
II.
Im Sommer des Jahres 2004 kam die Hochbahn nach Hildesheim:
Zweidimensional zwar, doch unübersehbar als Vision. An einer
Zufahrtsachse zur Innenstadt, einer Stelle wie geschaffen für Wahlplakate
und Willkommen-in-Hildesheim-Schilder, präsentierte der Kunstverein
Hildesheim eines von Carsten Meiers Motiven als großformatiges Transparent.
Es zeigte zwei Wagen einer Hochbahn, weltweit genormt und austauschbar,
im Hintergrund die sprichwörtliche 'grüne Wiese', im Vordergrund ein
Parkdeck Sie finden es auf einer der vorangegangenen Seiten.
Auf den ersten Blick war etwas dem öffentlichen Raum hinzugefügt worden,
ein Objekt, ein Bild, eine Repräsentation, eine mediale Oberfläche,
eine Vision im Sinne des Vorgestellten, Eingebildeten, Erdachten.
Auf den zweiten Blick jedoch erwies sich das Transparent als Eingriff
in den öffentlichen Raum, der viel weniger ein neues Element einbrachte,
sondern eher das Vorhandene an die Oberfläche beförderte. Eine Vision
also im Sinne des Wahrnehmbaren, sichtbar Gewordenen.
Was hatte Carsten Meiers Monorail mit dem Weg nach Hildesheim
zu tun? Das Motiv zeigt Räume, die wir gemeinhin als öffentlich wahrnehmen
solange wir uns in ihnen aufhalten. Ihren privaten oder teilöffentlichen
Charakter erfährt nur, wem der Aufenthalt aufgrund von Zugangsbeschränkungen
verwehrt ist: Menschen ohne die erforderlichen sozialen Voraussetzungen,
ohne Bord- oder Fahrkarte oder ohne Auto. Es handelt sich also um Räume,
die wir in der Regel nur dann wahrnehmen, wenn wir uns vor oder in ihnen
aufhalten. Diese Wahrnehmung ist bei gelungenem Eintritt von kurzer
Dauer: Sie dient einzig einem Durchschreiten des Raumes auf dem Weg
zwischen A und B, nicht einem Verweilen oder Erleben.
Längst ist 'Öffentlichkeit' im Diskurs um unsere Städte zu einem problematischen
Begriff geworden, durchdringen sich öffentliche und private Strukturen
wie Interessen unentwirrbar. Längst hat sich auch der Glaube an die
Herstellbarkeit von Urbanität relativiert. Nicht nur werden die Elemente
zeitgenössischer Architektur immer austauschbarer, hat sich die McDonaldisierung
nach den 'Stadtmöbeln' wie Laternen oder Parkbänken inzwischen ganzer
Quartiere bemächtigt. Die Anzahl der 'Nicht-Orte' nimmt zu: Immer häufiger
entstehen sie nicht als Leerstellen zwischen städtischer Bebauung, sondern
in deren Kern.
Das Hildesheimer Transparent zeigte Durchgangsorte an einem Durchgangsort,
eine Vision von Stadt auf dem Weg in die Stadt. Es drängte den
Betrachtern seine Funktion nicht auf, blieb ambivalent zwischen Werbung,
Kunst und der Ankündigung eines Bauvorhabens. Auf diese Weise löste
die zweidimensionale Hochbahn zahlreiche Diskussionen aus: In einer
Stadt, für die ein solches Projekt zwar einige Nummern zu groß erscheint,
in der die Bevölkerung in Sachen Stadtplanung und Architektur jedoch
offenbar alles für möglich hält. In einer Stadt, die sich darin kaum
von anderen Städten unterscheidet. Auch darin.
Ausgerechnet die deutsche Band Einstürzende Neubauten bringt
es im Song Youme & Meyou auf den Punkt: "cause out there's
always a construction site / a Starbucks and / yet another Guggenheim".

Carsten
Meier. Public Parking von Carsten Meier mit Texten von Thomas Kaestle,
Cindy Gates u.a.
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