Wann ist die Kunst? Prozess, Moment, Gültigkeit
von Thomas Kaestle



Mit dem Jahresprogramm 2004 habe ich als Kurator im Kunstverein Hildesheim begonnen, Fragen zu stellen. Nicht etwa aus Verlegenheit, keinesfalls jedoch aus einer Überlegenheit heraus. Weder kenne ich gar keine Antworten und wäre auf die Hilfe anderer angewiesen noch glaube ich, die Wahrheit über zeitgenössische Kunst zu kennen. Aus der Überzeugung, dass eine Kategorisierung in wahr und falsch auf Kunst und ihre Kontexte grundsätzlich nicht anwendbar ist, aus der Grundannahme, dass Antworten niemals stimmen sondern bestenfalls passen können, ergibt sich, dass meine Antworten (über die ich wie viele andere durchaus ausreichend verfüge) eben genau dies sind: meine Antworten. Diese auf andere zu übertragen, sie ohne Auseinandersetzung zur Übernahme zu präsentieren, scheidet als Möglichkeit aus. Das Anbieten 'fertiger' Antworten kann einen Rezipienten zeitgenössischer Kunst bestenfalls zur Fleißarbeit ermuntern, nicht jedoch zu mündiger Wirklichkeitskonstruktion. Also bleiben die Fragen. Und das beständige Angebot, damit keinen alleine zu lassen und spätestens zur Kommunikation über Vermutungen und werdende Antworten als gleichberechtigter Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen.


Die erste Frage war grundlegend: Wo ist die Kunst? prägte das Jahresprogramm 2004 des Kunstvereins Hildesheim, ergänzt durch die Unterzeile Zur Geographie von Schnittstellen.(1) Selbstverständlich ist die Frage nicht mit Ablauf des Jahres abgehakt. Selbst wenn es jemandem gelungen wäre, für sich Antworten auf alle Teil- und Folgefragen zu finden: Da die Kunst in ihrer Entwicklung niemals still steht und sich ohnehin für keinen Rezipienten jemals eine Situation identisch wiederholen wird, wäre es fatal, sich hier auf diskursiven Lorbeeren auszuruhen – was übrigens für jeden im Kunstsystem gilt. Die Frage bleibt aktuell, da sich ihr Kontext in ständiger Veränderung befindet.


Das Jahresthema 2005 knüpft also direkt an die Fragestellung vom Vorjahr an: Wann ist die Kunst? Prozess, Moment, Gültigkeit. Nach der Thematisierung des Ortes folgt die Suche nach dem Zeitpunkt. Wann ist die Kunst? steht dabei stellvertretend für Fragen wie: Wann ist die Kunst Kunst? Wann ist die Kunst gültig? Wann verliert Kunst ihre Gültigkeit? Wann entsteht Kunst? Wann nehmen wir Kunst wahr? Gibt es Kunst, die nur für einen Augenblick existiert? Verändert sich Kunst?


Ebenso wie der Ort ist die Zeit als Faktor in der Kunst allgegenwärtig: Die Existenz zeitloser Elemente ist höchst unwahrscheinlich in einem System, das nur als ständiger Prozess funktioniert, dabei stets von der hartnäckig formulierten Angst getrieben, es könnte an sein Ende gelangen (oder bereits gelangt sein). Wie die Kunst sich in der Zeit und zur Zeit positioniert und verhält, lohnt jedoch eine genauere Betrachtung
gerade wenn es eine Ausstellungs-Institution wie der Kunstverein Hildesheim ist, die danach fragt. Denn aus dem Umgang mit der Zeit ergibt sich eine komplexe Vielzahl von Präsentationsformen und -parametern. Selbstverständlich, beliebig oder zufällig sind diese niemals.


Kunst ist untrennbar verbunden mit Wahrnehmung, sei diese nun augenblicks- oder prozesshaft. Zu Beginn eines Jahrhunderts, in welchem wir mit immer neuen Eingriffen in unsere Wahrnehmungsstrukturen konfrontiert sein werden, wird deren exemplarische Reflexion in der Kunst zu einem Diskurs mit gesellschaftspolitischen Dimensionen. Längst geht es nicht mehr nur um die Generationskluft zwischen Kindern und Jugendlichen, die durch alltägliches Medientraining mit extrem schnellen Wahrnehmungswechseln aufwachsen (was die Reflexe nicht in allen Wahrnehmungs- und Erkenntnissituationen zu schulen scheint), und dem langsameren Bevölkerungsanteil (der dies ja in der Regel nicht als Manko empfindet). Vielmehr konfrontieren uns Pharmakologen mit der greifbaren Vision von Pillen, welche die Erinnerung beeinflussen
eine Erinnerung, die von Neurobiologen und Psychologen ohnehin zunehmend als ständig angepasste Konstruktion enttarnt wird.


Wenn sich unsere Wahrnehmungsgewohnheiten so rapide und radikal verändern, muss davon ausgegangen werden, dass die zeitgenössische Kunst darauf reagiert. Mit welchen Strategien sie dies tut und wie dabei in komplexen Prozessen Neues entsteht, ist jedoch nur ein interessanter Frageaspekt. Was mit jener Kunst geschieht, deren Rezeption plötzlich gefährdet scheint, die wir trotz vehementer Bemühungen von Kunstmarkt und Institutionen mit Definitionsmacht nicht mehr wahrnehmen können und wollen, ist ein Themenkomplex, der sehr viel schneller unbequem wird. Wann hört Kunst auf, Kunst zu sein? Und was geschieht dann mit ihr in einem Kunstsystem, in dem der Rezipient noch immer das schwächste Glied darstellt? Die Ironie von Bogomir Eckers Tropfsteinmaschine und ihrem verbürgten Ewigkeitswert lag bereits vor Jahren sehr nah an den einschlägigen Befindlichkeiten.


Wie im Vorjahr integriert das Schwerpunktthema für das Jahresprogramm 2005 alle Ausstellungen, Projekte und Veranstaltungen. Es soll als diskursiver Rahmen und theoretische Basis eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst ermöglichen und erleichtern. Und wie die entsprechend vorangegangene Jahrespublikation verstärkt der vorliegende Band den roten Faden, der die Einzelprojekte nicht nur miteinander verbindet, sondern sie auch an aktuelle Diskurse um zeitgenössische Bildende Kunst knüpft. Wieder erfüllt dieses Buch außerdem eine bewährte Doppelfunktion: Für die Mitglieder und Besucher des Kunstvereins Hildesheim ist es ein Katalog, der sie über das Ausstellungsjahr durch erlebte Ausstellungen und Projekte begleitet und ihnen dabei zusätzlichen Input verschafft
Hintergründe, Frage- und Antworthilfen, Perspektiven und Positionen. Für jene Leser, die Hildesheim nie oder selten besuchen und denen die Existenz des dortigen Kunstvereins bislang verborgen blieb, ist es ein Themenreader, der diskursives Material zu einem wesentlichen Fragekomplex der zeitgenössischen Bildenden Kunst anbietet ergänzt durch exemplarische Kunst-, Ausstellungs- und Vermittlungsprojekte.


Dabei geht es nicht immer um die Innovativität und Originalität der präsentierten Projekte. Beim Versuch, möglichst vielfältige Aspekte des Faktors Zeit in der Produktion und Präsentation von Bildender Kunst zu einem heterogenen Gesamten zu vereinen, zählt für den Kunstverein Hildesheim im Jahr 2005 vor allem das Potential, individuelle Frageperspektiven zuzulassen
bei Projektbeteiligten wie bei Rezipienten. Dies spiegelt sich unter anderem darin wieder dass alle Künstler des Jahresprogramms sich in diesem Band in Interviews präsentieren. Bereits das potentielle Befragen eines Ausstellungsprogramms hinsichtlich des Kriteriums der Innovation deutet allerdings eine wesentliche Facette der Frage nach dem Wann der Kunst an: Es geht für Ausstellungsinstitutionen zunehmend darum, sich mit dem noch nie Dagewesenen herauszustellen. Wem gegenüber? Der vergleichende Blick geht längst über Stadtgrenzen hinaus. Wo für das Publikum vor allem das Zusammenspiel von Kulturinstitutionen im direkten Umfeld zählt (welches sich in seiner Effektivität lokal durchaus aus Antagonismen speisen kann), müssen die Veranstalter in überregionaler Konkurrenz um die letzten verbliebenen Finanzierungsquellen buhlen mit möglichst herausragenden Konzepten, deren Nähe zum Zeitgeist mehr zählt als die zum eigenen Zielpublikum. Auch das ist eine mögliche Antwort auf die Frage Wann ist die Kunst?


Nicht zuletzt: Was sind das für Zeiten, in denen wir uns heute mit Kunst auseinandersetzen? Noch gibt es für die Niedersächsischen Kunstvereine kaum Grund zur Klage: Eine institutionalisierte Landesförderung ist in Deutschland keinesfalls selbstverständlich, und in Zeiten drastischer Kürzungen im Kulturbereich ist das Förderbudget hier nahezu konstant geblieben (was nicht bedeutet, dass gerade den großen Kunstvereinen die Kürzungen nicht zu schaffen machen). Dennoch lässt der Blick in die Zukunft eher vermuten, dass die relevante Frage in Niedersachsen bald wieder lauten könnte: Wo ist die Kunst? Die Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine, seit vielen Jahren in Hannover zu Hause, kann ihre Geschäftsstelle aus niedersächsischen Fördergeldern nicht mehr finanzieren; die wenigen niedersächsischen Stiftungen, die noch fremde Kulturprojekte fördern, werden von freien Kulturträgern überrannt, deren Landesförderung drastisch gekürzt wurde; selbst die hauseigene Jahresausstellung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, Treppenhaus für die Kunst, in deren Rahmen Landesstipendiaten und -preisträger präsentiert wurden, fand in diesem Jahr zum letzten Mal statt. Vor allem das letzte Beispiel beunruhigt. Nicht der finanziellen Einsparungen wegen (das eingesparte Budget lässt sich zweifellos effektiver einsetzen), sondern durch den Eindruck eines Desinteresses seitens der Politik. Die öffentliche Wahrnehmbarkeit junger zeitgenössischer Kunst wird geschmälert, die individuelle Künstlerförderung durch das Land scheint ein Stück unbedeutender geworden zu sein. Was nutzt Produktion ohne Präsentation? Werden Produkte von Künstlern erst durch ihr öffentliches Erscheinen zur Kunst? Wann ist die Kunst? Aber vielleicht lässt sich auch lediglich einfacher loswerden, was ohnehin keiner mehr wahrnehmen kann, womit keiner mehr rechnet...


In Zeiten knapper Kassen scheint vielerorts die Entscheidung leicht zu fallen, in welchen Bereichen zuerst gespart wird. Dass es dabei häufig um Kunst und Kultur geht, ist keine neue Erkenntnis. Sie scheinen entbehrlich gegenüber anderen gesellschaftlichen Notwendigkeiten
und bei wachsender politischer Nervosität schwindet offenbar das Selbstbewusstsein gegenüber der Bild-Schlagzeilen lesenden Bevölkerungsmehrheit.(2) Die Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz von Bildender Kunst hat also durchaus auch einen temporalen Charakter: Zu welchen Zeiten hat Kunst welche gesellschaftliche Bedeutung und welche Zusammenhänge bestehen dabei mit der Beschaffenheit der jeweiligen Gesellschaft? Zugleich ist jedoch von Interesse, welche Prioritäten innerhalb von Kunst und Kultur gesetzt werden: Wird Tradition oder Zeitgenössisches gefördert, welche Budgets werden etablierten und welche eher experimentellen Institutionsformen zugestanden? Werden Gelder in prestigeträchtigen 'Leuchtturmprojekten' konzentriert oder eingesetzt, um kulturelle Vielfalt in vielen kleinen Initiativen zu ermöglichen? Häufig bedeuten Entscheidungen zugunsten von kulturellen Großprojekten (auch Bundesländer oder Staaten sind vor dem oben erwähnten Wettbewerb um Einzigartigkeit nicht gefeit) eine Betonung des Etablierten und seien es etablierte Helden des Zeitgenössischen, wie zuletzt in ganz großem Maßstab bei der Ruhrtriennale in Nordrhein-Westfalen geschehen.


Der Kunstverein Hildesheim setzt auch im Ausstellungsjahr 2005 auf die
politisch offenbar unpopulärere Diversität. Dies schlägt sich in einer relativ großen Zahl zum Teil kleinerer Projekte, in der Zusammenarbeit mit meist sehr jungen Künstlern sowie in flexiblen Veranstaltungskonzepten wie Wettbewerben und Festivals nieder. Die geplanten Projekte finden Sie in der vorliegenden Publikation auf jeweils zwei Doppelseiten zu erkennen an den dunklen Kopfstreifen und dem Stichwort 'Projekt' oben auf der jeweils rechten Seite.


Den Anfang macht die Ausstellung Zeitmaschinen von Thomas Bartels, der in der Galerie im Kehrwiederturm des Kunstvereins Hildesheim einige seiner 'Projizierenden Skulpturen' zeigt
kinetische Objekte, die ihren jeweiligen Präsentationsort als flexible Projektionsfläche nutzen und sich so stets neu erschaffen. Sie funktionieren in Schleifen und Zyklen und stellen Fragen nach Bewegung, Wiederholung, Verweildauer und dem Filmischen in der Bildenden Kunst. Silke Peters wünscht sich in ihrem Projekt Für klare Stellung Neue Manifeste für die Kunst. Der Kunstverein unterstützt sie bei der Verbreitung ihres Aufrufs, der nach konzeptionellen Grundbedingungen von Kunst und deren Status im Prozess der Kunstwerdung fragt. Holger Manthey entwickelt mit gewinnen ein Projekt, das sich mit der Sichtbarkeit von Kunst und deren Bedingungen auseinander setzt: Der Künstler erweitert für die Projektdauer die Öffnungszeiten der Galerie des Kunstvereins und stellt das dafür nötige Aufsichtspersonal ein. Gemeinsam mit dem Architekten- und Ingenieurverein Hildesheim (AIV) setzt sich der Kunstverein mit der Vergabepraxis von Kunst im öffentlichen Raum auseinander (wann wird die Kunst in den Prozess integriert) Ziel ist ein Wettbewerb für ein Land-Art-Projekt, welches sich im Laufe des Jahres organisch entwickelt: Ein Prozess für den Ernst-Ehrlicher-Park. Das Festival Raumsauger bespielt gemeinsam mit dem Stadttheater Hildesheim leerstehende Ladenräume im Innenstadtbereich: Elemente aus dem Theater und aus der Bildenden Kunst sollen sich ergänzen und nach deren jeweiligem Wahrnehmungspotential im öffentlichen Raum fragen. Gastgeber ist ein Gruppenprojekt, in dem sich Daniel Schürer, Bernd Krauß, Simon Frisch, Alexander Steig und Miriam Tscholl künstlerisch mit Gastlichkeit, Gastronomie und den damit verbundenen events sowie deren Augenblicks- und Prozesscharakter auseinandersetzen. Das Projekt Turmgäste lädt als Artists in Residence junge Künstler aus Europa ein, für einige Wochen ihr Atelier in die Galerie im Kehrwiederturm zu verlegen und dort einen Blick auf ihren Schaffensprozess zu ermöglichen. Der Workshop umräumen für Kunst im öffentlichen Raum bringt Prof. Georg Winter und Prof. Christine Biehler mit ihren Studierenden in der Hildesheimer Innenstadt zusammen. Sie sollen dort eine Woche lang vor Ort Konzepte für den öffentlichen Raum entwickeln und umsetzen. Die Ausstellung Recycling präsentiert junge Künstler, unter anderem die Malerin Elke Fech und den Fotografen Ben Plefka, die sich auf Elemente einlassen, die sie in historischer Kunst finden und dann zeitgenössisch anreichern und transformieren. Ein weiterer Wettbewerb spielt schließlich mit einer fiktiven Idee: Die Einsender sollen einen Entsorgungspark für funktionslose Kunst im öffentlichen Raum planen und sich so mit der Gültigkeitsdauer von Kunst auseinandersetzen.


Zwischen den Projektvorstellungen finden Sie Essays, Interviews und Statements zum Thema dieser Publikation. Sie erkennen diese am hellen Kopfstreifen und dem Stichwort 'Diskurs' oben auf den jeweils rechten Seiten. Ergänzt werden sie durch eine seitliche Navigationsleiste mit Piktogrammen, die Sie mit Hilfe des Lesezeichens entschlüsseln können. Sie stehen für Kernaspekte des Themas Wann ist die Kunst?


Georg W. Bertram eröffnet den Diskurs mit einem Essay zu philosophischen Betrachtungsweisen von Zeit im Kontext der Kunst. Er lehrt Philosophie als Juniorprofessor an der Universität Hildesheim. Boris Groys, Professor für Kunstwissenschaft, Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, schreibt über Neues, Altes und Tautologien in der Bildenden Kunst. Jörn Müller reflektiert die Umstände, unter denen künstlerische Manifeste entstehen und Bedeutung erlangen. Er ist freier Autor und Journalist. Außerdem bildet er gemeinsam mit Kai Würbs das Projekt Literaturinferno, welches das Thema 'Manifeste' aus künstlerischer Perspektive betrachtet. Der Bildende Künstler Matthias Berthold erzählt im Gespräch von seinen Erfahrungen mit Handlungsanweisungen und deren notwendiger Umsetzung. Der Beitrag Kunst im Kopf versammelt Positionen der Neurowissenschaften unter der Frage nach Bedingungen der (Kunst-)Wahrnehmung. Michael Lingner ist
Professor für Kunsttheorien an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Er denkt in einem Essay über Kunstkonkretion nach und etabliert eine Metapher von Kunst als Werk-Zeug. In einem Interview berichtet Tom van Gestel, Kurator der niederländischen Stiftung SKOR, von temporären Eingriffen in den öffentlichen Raum als Begleitung urbaner Prozesse. Gerrit Gohlke, freier Autor und Kurator, benennt in seinem Beitrag weitere zeitgenössische Strategien des Umgangs mit öffentlichem Raum. Helge Meyer, freier Autor und Performance-Künstler, sowie Mieke Matzke, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin und freie Performerin, erörtern in ihren Essays den Status Quo der Performance-Kunst sowie deren Abgrenzung zu Formen des Theaters. Hassan Al-Hakim benennt aktuelle Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie zur Zeitlichkeit des Jetzt. Er ist Doktorand am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim. Unter dem Titel Jetzt finden sich aktuelle Statements von Kuratoren, Direktoren und Kunstwissenschaftlern zu wesentlichen Aspekten der zeitgenössischen Bildenden Kunst. Michael Haerdter, langjähriger Direktor des Künstlerhauses Bethanien in Berlin, schreibt in seinem Textbeitrag über Artists in Residence und deren Verfasstheit in Raum und Zeit. Zur Rolle des Geschmacks bei der Rezeption von Kunst führt Jean-Christophe Ammann einige Gedanken aus. Er ist langjähriger Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt. Carolin Rosenheimer, Redaktionsmitglied der vorliegenden Publikation, hat eine Checkliste zu Typen der Kunstbetrachtung entwickelt. Um die Situationisten und deren Umgang mit Stadt und Handlungskonzepten sowie um den Rückbau von Strukturen geht es bei Georg Winter, Professor für Kunst und öffentlichen Raum an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Jorinde Seijdel, freie Autorin und Dozentin, analysiert das Corbis-Archiv von Bill Gates im Kontext verschiedener theoretischer Positionen zur Funktion von Archiven. Die Künstlerin Cornelia Sollfrank berichtet im Gespräch von ihrer generativen Kunst und Erfahrungen mit Urheberrechten. Wilhelm Schürmann ist ein bedeutender Sammler zeitgenössischer Kunst. Er erzählt im Interview von Aneignungs- und Abstoßungsprozessen. Die Entwicklung des öffentlichen Raums ist Thema des Essays von Hanno Rauterberg, Feuilleton-Redakteur bei der ZEIT. Bogomir Ecker ist Künstler und Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Er gibt Auskunft über Ewigkeitsansprüche und Halbwertszeiten von Bildender Kunst. Schließlich hinterfragt Stephan Porombka, Juniorprofessor für Kulturjournalismus und Literatur an der Universität Hildesheim, die potentielle Definitionsmacht von Kunstkritik.


Als Herausgeber wünsche ich Ihnen Inspiration und Vergnügen beim Lesen in Wann ist die Kunst? Nehmen Sie sich die Zeit, ein wenig kreuz und quer zu lesen, um hier und da einen diskursiven Haken (ein)zu schlagen. Ich würde mich freuen, wenn Sie den roten Faden dieses Bandes aufnehmen, um damit eine Weile für sich weiterzustricken. Dann und wann.


(1)Auch zum Jahresthema 2004 ist im Kerber Verlag eine Publikation erschienen: Kaestle, Thomas: Wo ist die Kunst? Zur Geographie von Schnittstellen, Bielefeld 2004.

(2)"Dieser Dreck soll Kunst sein" titelte die Bild Hannover am 11. Februar 2005 anlässlich der Eröffnung von Santiago Sierras Haus im Schlamm in der Kestner-Gesellschaft, nicht ohne auf die jährliche Landesförderung von 700.000,- Euro für "den privaten Kunstverein" hinzuweisen.


Wann ist die Kunst? Wann ist die Kunst? Prozess, Moment, Gültigkeit



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